{"id":857,"date":"2020-08-08T09:39:30","date_gmt":"2020-08-08T09:39:30","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichte.bibibo.info\/?p=857"},"modified":"2020-08-09T11:51:11","modified_gmt":"2020-08-09T11:51:11","slug":"6-und-9-august-nachtrag-zu-eigenen-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichte.bibibo.info\/?p=857","title":{"rendered":"6. und 9. August \u2013 Nachtrag zu Erinnerungen an einen Besuch in Hiroshima und Nagasaki"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/geschichte.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/image-2.png\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist image-2.png\"\/><figcaption>Gebt mir Wasser, Berichte von Zeitzeuginnen des Atombombenabwurfs \u00fcber Hiroshima und Nagasaki<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Der folgende Text entstammt einem Referat bzw. einer Jahresarbeit, die Christoph Haus aus Frankenbach im letzten Jahr seiner Schulzeit schrieb:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Yoshihiro Kimura, 1945 Sch\u00fclerin der 3. Klasse,<br>schreibt 1951 in der 9. Klasse ihre Erinnerungen auf<\/h2>\n\n\n\n<p>Jeden Tag um die Zeit musste ich das Bad heizen. Danach ging ich dann meistens an meine Hausaufgaben. Gegen f\u00fcnf holte ich Vater und meine gro\u00dfe Schwester an der Stra\u00dfenbahnhaltestelle ab und wir gingen nach Hause und a\u00dfen zusammen Abendbrot. So lief ei uns damals jeder Tag ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen des <strong>6. August <\/strong>blieb Vater im Bett, weil er leichtes Fieber hatte. Mein Bruder kochte sich Tintenfisch, den er bei der Arbeit essen wollte. Nachdem alle das Haus verlassen hatten, waren wir noch vier: ich, Mutter, Vater und meine Schwester. Dann machten meine Schwester und ich uns f\u00fcr die Schule fertig. Meine Schwester ging zum Hauptgeb\u00e4ude, ich zu der Zweigstelle im Tempel. Ich und meine Freunde redeten \u00fcber den Krieg. Da h\u00f6rten wir Fliegeralarm. (<em>Das waren die Aufkl\u00e4rungsflieger der Amerikaner. Anm. d. Verf<\/em>.) Ich lief nach Hause und spielte dort eine Weile. Ich war das alles schon gewohnt, dann wurde Entwarnung gegeben und ich ging wieder zur Schule. Unser Lehrer war noch nicht da und so schwatzten wir miteinander. <br>Ungef\u00e4hr um die Zeit h\u00f6rten wir das Ger\u00e4usch eines Flugzeugs und wir sahen es, sehr klein, am s\u00fcd\u00f6stlichen Himmel. <em>(Das war der B-29-Bomber Enola Gay mit seinen beiden begleitenden Messflugzeugen. Anm.d.Verf.)<\/em> Es wurde immer gr\u00f6\u00dfer und war bald direkt \u00fcber uns. Ich beobachtete es die ganze Zeit; ich wusste nicht, ob es ein amerikanisches Flugzeug oder eines von unseren war. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pl\u00f6tzlich fiel etwas wei\u00dfes, wie ein Fallschirm, aus dem Flugzeug. F\u00fcnf oder sechs Sekunden sp\u00e4ter wurde alles gelb. Es war, als h\u00e4tte ich direkt in die Sonne geblickt<\/strong>. (<em>Aufgrund der enormen Energiedichte steigen die Temperaturen im Innern der Bombe rapide auf 60 bis 100 Millionen Grad Celsius an. Anm.d.Verf.<\/em>)<br><strong>Dann gab es ein oder zwei Sekunden sp\u00e4ter einen gewaltigen Krach und alles wurde dunkel. Steine und Ziegel fielen mir auf den Kopf und f\u00fcr eine Weile war ich bewusstlos.<\/strong> Dann wachte ich wieder auf, weil schwere Holzst\u00fccke auf mich fielen und mich am R\u00fccken verletzten. Ich kroch ins Freie.<br><strong>\u00dcberall lagen Menschen auf dem Boden. Die meisten von ihnen waren verbrannt und ihre Gesichter waren schwarz. Mir war besser, als ich auf die Stra\u00dfe kam. Da sp\u00fcrte ich pl\u00f6tzlich, dass mein rechter Arm weh tat. Vom Ellenbogen bis zu den Fingern hatte sich die Haut abgel\u00f6st. Ich versuchte, den Weg nach Hause zu finden.<\/strong><br>&#8222;Sumi-chan!&#8220; schrie jemand. Ich drehte mich um und sah meine Schwester. Ihr Kleid war zerfetzt und ihr Gesicht v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Wir gingen beide nach Hause, aber unser Haus war eingest\u00fcrzt und niemand war da. Wir suchten in der Nachbarschaft. Als wir wieder zur\u00fcckgingen, fanden wir Vater, der etwas unter dem heruntergefallenen Dach hervorzuziehen versuchte. Er gab auf und kam zu uns. <br>&#8222;Wo ist Mutter?&#8220; fragte ich. &#8222;Sie ist tot&#8220;, antwortete er leise.<br>Als ich das h\u00f6rte, hatte ich das Gef\u00fchl, man h\u00e4tte mich auf den Kopf geschlagen. Ich konnte nicht mehr klar denken.<br>Etwas sp\u00e4ter fragte Vater: &#8222;Was ist mit deinem Kopf los?&#8220; Ich fasste an meinen Hinterkopf. Er f\u00fchlte sich rau an und war nass von Blut.<br>Ein etwa zehn Zentimeter langer Nagel hatte Mutter am Kopf getroffen. Sie war auf der Stelle tot.<br><strong>Dann begann es zu regnen. Die Regentropfen sahen wie schlammiges Wasser aus. <\/strong>Wir suchten Schutz unter einer noch schwelenden Eisenbahnbr\u00fccke. Bald h\u00f6rte der Regen auf. Uns war kalt und wir gingen in die N\u00e4he von brennenden H\u00e4usern, um uns aufzuw\u00e4rmen. <strong>Es waren viele Menschen dort. Aber kaum einer unter ihnen sah normal aus. Sie hatten geschwollene Gesichter und schwarze Lippen.<\/strong> <br>Ein Mann schwenkte die japanische Fahne, als ob er den Verstand verloren h\u00e4tte und br\u00fcllte &#8222;Banzai, banzai!&#8220;.  (<em>(japanisch \u4e07\u6b73, dt. w\u00f6rtlich \u201ezehntausend Jahre\u201c, sinngem\u00e4\u00df \u201eunz\u00e4hlige Jahre, sehr lange Zeit\u201c leben) ist in Japan ein Hochruf, der Freude und Gl\u00fcck f\u00fcr \u201e10.000\u201c Jahre bringen soll. Anm.d.Verf.<\/em>)<br>Ein anderer schwankte umher und sagte: &#8222;Ich bin ein General.&#8220;<br><strong>Ich war sehr durstig und ging zum Fluss, um einen Schluck Wasser zu trinken. Viele schwarze K\u00f6rper von Toten trieben den Fluss hinunter. Ich musste sie immer wieder wegschieben, w\u00e4hrend ich trank.<\/strong><br>Am Ufer lagen Leichen, einige K\u00f6rper bewegten sich noch. Ein Kind weinte: &#8222;Mutter, Mutter.&#8220;<br>Schon jetzt dachte ich nicht weiter dar\u00fcber nach, wenn ich Leichen sah. Einige Menschen kamen taumelnd die B\u00f6schung herauf und fielen dann in den Fluss und starben.<br>Meine Schwester fiel auf der Stra\u00dfe hin, vielleicht, weil sie schwere Verletzungen hatte. Vater nahm sie auf den R\u00fccken und legte sie auf ein St\u00fcck Erde, das die Flammen schon hinter sich gelassen hatten. Gegen Abend kam mein Bruder zur\u00fcck.<br>In jener Nacht bauten wir einen Schuppen und schliefen darin. Aber Hilferufe und qualvolles St\u00f6hnen waren die ganze Nacht \u00fcber zu h\u00f6ren und st\u00f6rten st\u00e4ndig unseren Schlaf. Ich d\u00f6ste und wachte immer wieder auf. <br>Es d\u00e4mmerte. Mein Bruder machte sich auf den Weg zu unseren Verwandten auf dem Land, um sich einen Karren zu leihen und kam gegen drei Uhr zur\u00fcck.<br>Dann wurden meine Schwester und ich auf den Karren gelegt und wir alle zogen los. <br>Als wir das Haus unserer Verwandten erreichten, brach Vater beinahe zusammen, vielleicht weil er sich jetzt keine Sorgen mehr um uns machen musste.<br>Als es Nacht wurde, f\u00fchlte ich mich sehr allein. Gesten Abend um die Zeit, dachte ich im Stillen, ging es Mama noch gut und jetzt ist sie tot!<br>Zwei meiner Geschwister wurden noch vermisst. Nur Vater, ein Bruder, eine Schwester und ich waren jetzt noch von meiner Familie \u00fcbrig. Wir sagten nichts, wir starrten nur ins Leere.<br>Als ich zur Toilette ging, rief ich: &#8222;Mutter!&#8220;, aber Mutter war nicht mehr da. Als mir klar wurde, dass sie wirklich tot war, wurden meine Einsamkeit und meine Traurigkeit noch gr\u00f6\u00dfer. Ich vergo\u00df bittere Tr\u00e4nen.<br>Der Gedanke, ich w\u00fcrde ihr sanftes Gesicht nie wiedersehen, erstickte mich fast und mir wurde schwindelig.<br>Dann sagte Gro\u00dfmutter: &#8222;Mutter ist jetzt ein Buddha. Wenn du sie sehen m\u00f6chtest musst du ihn bitten.&#8220;<br>Obwohl Vater sie mit eigenen Augen sterben sah, konnte ich dennoch nicht glauben, dass sie tot war.<br>Dann traf uns ein weiteres Ungl\u00fcck.<br><strong>Gegen drei Uhr morgens am 15. starb meine Schwester.<\/strong> Als ich aufwachte, war sie schon tot.<br>Es muss ein schwieriger Tod gewesen sein, denn ihre Augen waren ge\u00f6ffnet. Sie schien mich anzustarren.<br>Ich schrie: &#8222;Schwester&#8220; und sch\u00fcttelte sie, aber auch sie war zu einem Buddha geworden.<br><strong>An dem Tag ging der Krieg zu Ende.<\/strong> (In Japan am 15. August 1945)<br>Einige Vermisste kehrten nach und nach zur\u00fcck. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass auch Mutter zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte. Aber obwohl ich so darauf wartete, war nat\u00fcrlich jede Hoffnung umsonst. So hoffte ich, dass wenigstens meine \u00e4ltere Schwester nach Hause kommen w\u00fcrde. <br>Inzwischen war mein \u00e4ltester Bruder aus der Armee entlassen. Jeder Tag war voller Einsamkeit. <br>Allm\u00e4hlich gew\u00f6hnte ich mich an den Gedanken, dass meine Mutter und meine Schwester tot waren und ich begann, mich damit abzufinden. <br>Die sterblichen \u00dcberreste meiner \u00e4lteren Schwester wurden nie gefunden, aber <strong>Vater erhielt Asche von einer Massenverbrennung. <\/strong><br>Aber wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte meine Mutter nicht vergessen. Der liebste Mensch. Zwei meiner Schwestern waren auch sehr lieb. Mutter backte immer Pfannkuchen f\u00fcr mich, wenn ich aus der Schule kam. &#8222;Oh, liebe Mutter, gute Mutter! Wo bist du jetzt?&#8220; Sie ist sicherlich an einen besseren Ort gegangen. Ich stelle mir Mutter oft im Himmel vor, wundersch\u00f6n gekleidet, wie eine G\u00f6ttin. Sie sagte immer: &#8222;Kinder, seid gut zueinander.&#8220;<br>Sp\u00e4ter zogen wir nach Hiroshima zur\u00fcck und jetzt  habe ich eine zweite Mutter. Aber immer, wenn es etwas gibt, \u00fcber das man schwer mit anderen Menschen sprechen kann, vermisse ich meine richtige Mutter sehr.<br><strong>Ich hasse den Krieg jetzt aus tiefstem Herzen.<\/strong><br>Nur der Krieg ist Schuld daran, dass meine gute Mutter und meine Schwestern get\u00f6tet wurden.<br>Ich hasse den Krieg. Ich m\u00f6chte, dass es nie wieder einen so verabscheuungsw\u00fcrdigen Krieg gibt.<br>Krieg ist der Feind eines jeden Menschen. <br><strong>Mutters Seele im Himmel wird gl\u00fccklich sein, wenn wir Kriege verhindern und Frieden auf der Welt herrscht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Quelle: Hermann Vinke &#8211; Als die erste Atombombe fiel. Kinder aus Hiroshima berichten. Ravensburger Taschenb\u00fccher, 1998<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text entstammt einem Referat bzw. einer Jahresarbeit, die Christoph Haus aus Frankenbach im letzten Jahr seiner Schulzeit schrieb: Yoshihiro Kimura, 1945 Sch\u00fclerin der 3. Klasse,schreibt 1951 in der 9. Klasse ihre Erinnerungen auf Jeden Tag um die Zeit musste ich das Bad heizen. Danach ging ich dann meistens an meine Hausaufgaben. Gegen f\u00fcnf &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/geschichte.bibibo.info\/?p=857\" class=\"more-link\">Mehr <span class=\"screen-reader-text\">\u00fcber &#8222;6. und 9. 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